Wundhaken und Retraktoren: Arten und Einsatz
Ohne freie Sicht kein sicherer Eingriff. Wundhaken und Retraktoren halten Wundränder, Muskeln, Schleimhautlappen, Wangen oder Zunge zur Seite und schaffen so Zugang zum Operationsgebiet. In der allgemeinen Chirurgie sind es Handhaken und selbsthaltende Wundspreizer, in der Zahnmedizin kommen Wangenhalter, Lippenhalter und Mundsperrer hinzu. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Arten, ihre typischen Merkmale und wann welcher Retraktor sinnvoll ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Handhaken (Wundhaken) werden von einer Assistenz gehalten und lassen sich laufend nachführen – z. B. Langenbeck, Roux, Farabeuf, Kocher, Volkmann.
- Selbsthaltende Wundspreizer bleiben nach dem Einsetzen über eine Sperre oder Schraube geöffnet – z. B. Weitlaner, Jansen, Gelpi, Beckman-Adson.
- Haken gibt es mit Blatt (glatt, flächig) oder mit Zinken (scharf, halbscharf oder stumpf).
- In der Zahnmedizin halten Wangen- und Lippenhalter sowie der Minnesota-Retraktor Weichgewebe und Lappen ab.
- Mundsperrer halten den Mund über längere Zeit kontrolliert offen, etwa bei Sedierung oder längeren Eingriffen.
Handhaken oder selbsthaltender Spreizer?
Retraktoren lassen sich in zwei Grundgruppen einteilen. Handgehaltene Wundhaken werden von einer Assistenz geführt. Der Vorteil: Zugrichtung und Kraft lassen sich jederzeit anpassen, wenn sich das Operationsfeld verschiebt. Der Nachteil: Sie binden eine Person, und die Haltekraft lässt bei langen Eingriffen nach.
Selbsthaltende Retraktoren besitzen zwei oder mehr gegenüberliegende Blätter oder Zinken. Nach dem Einsetzen hält eine Zahnsperre (Ratsche), eine Feder oder eine Schraube sie offen. Sie entlasten das Team, üben aber einen konstanten Druck auf das Gewebe aus. Bei langen Eingriffen sollte dieser Druck deshalb im Blick bleiben.
Blatt oder Zinken?
Das zweite Unterscheidungsmerkmal ist das Arbeitsende. Blatthaken haben ein glattes, rechtwinklig abgebogenes Blatt. Sie verteilen den Druck auf eine größere Fläche und schonen Gewebe und Lappenränder. Zinkenhaken (Rechenhaken) greifen mit mehreren Zinken in das Gewebe. Scharfe Zinken halten Haut und derbes Gewebe sicher, stumpfe Zinken sind schonender, etwa in der Nähe von Gefäßen und Nerven. Viele Modelle gibt es in scharfer, halbscharfer und stumpfer Ausführung.
Die wichtigsten Handhaken
Langenbeck-Haken
Der Langenbeck-Haken ist der klassische Blatthaken: ein Stiel mit rechtwinklig abgewinkeltem, glattem Blatt. Er wird in verschiedenen Blattgrößen angeboten und dient zum Abhalten von Wundrändern und Muskeln in der allgemeinen Chirurgie. In der Oralchirurgie wird er zum Abhalten von Mukoperiostlappen und der Wange eingesetzt, etwa bei Osteotomien, Implantationen oder Zystenentfernungen. Eine Variante ist der Langenbeck-Mannerfelt Retraktor.
Roux- und Farabeuf-Haken
Roux- und Farabeuf-Haken sind doppelendige Blatthaken mit zwei unterschiedlich großen Enden. Sie sind kürzer als der Langenbeck-Haken und eignen sich für oberflächliche Wunden und kleinere Zugänge. Roux-Haken werden häufig als Satz mit abgestuften Blattgrößen angeboten, Farabeuf-Haken meist paarweise. Im Shop finden Sie den Farabeuf Retraktor.
Kocher- und Volkmann-Haken
Kocher- und Volkmann-Haken sind Zinkenhaken. Sie haben mehrere Zinken und sind in scharfer, halbscharfer und stumpfer Ausführung erhältlich. Sie halten Haut, Subkutis und Muskulatur sicher, ohne abzurutschen. Beispiele sind der Volkmann Wundhaken und der Kocher Retraktor.
Weitere Handhaken
Für tiefe Bauch- und Thoraxzugänge werden größere Haken wie Deaver, Richardson oder Fritsch verwendet. Senn-Haken kombinieren ein kleines Blatt mit einem Zinkenende und sind für kleine, oberflächliche Schnitte gedacht. Feine Haut- und Einzinkerhaken dienen dem Abhalten von Hauträndern in der plastischen Chirurgie.
Selbsthaltende Wundspreizer
Weitlaner
Der Weitlaner-Wundspreizer hat zwei nach außen gebogene Arme mit scharfen oder stumpfen Zinken und eine Zahnsperre an den Griffen. Er eignet sich für kleine, flache Operationsfelder. Im Shop: Weitlaner Wundspreizer 13,5 cm und 10,5 cm.
Jansen
Der Jansen-Spreizer ist kleiner und wird mit scharfen oder stumpfen Zinken angeboten. Er wird für kleine Zugänge eingesetzt, bei denen ein größerer Spreizer stören würde. Siehe Jansen Retraktor.
Gelpi
Der Gelpi-Spreizer hat an jedem Arm nur eine einzelne, spitze Zinke. Er spreizt punktuell und eignet sich für tiefe, eng begrenzte Zugänge, zum Beispiel in der Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie.
Adson und Beckman-Adson
Adson- und Beckman-Adson-Spreizer sind lang und kräftig, mit gezahnten Blättern und Sperre. Sie halten tiefe Muskelschichten auseinander, typischerweise bei Eingriffen an der Wirbelsäule. Im Sortiment: Adson Retraktor und Beckmann-Eaton Retraktor.
Retraktoren in der Zahnmedizin
Wangenhalter und Lippenhalter
Wangen- und Lippenhalter halten Wange und Lippen ab, damit die Zahnreihen frei liegen. Sie werden bei Behandlungen, in der Kieferorthopädie und für intraorale Fotografie verwendet. Eine Auswahl finden Sie bei den Wangenretraktoren aus Edelstahl und dem zahnärztlichen Lippenretraktor.
Minnesota-Retraktor
Der Minnesota-Retraktor (University of Minnesota) ist ein doppelendiger, gebogener Wangen- und Lappenhalter. Er hält Mukoperiostlappen, Wange, Lippe oder Zunge bei Extraktionen und oralchirurgischen Eingriffen ab, zum Beispiel bei der Weisheitszahnentfernung. Im Shop: Minnesota Wangenretraktor und Cawood-Minnesota Wangenretraktor.
Mundsperrer und Mundkeil
Mundsperrer halten den Mund über längere Zeit offen. Der Molt-Mundsperrer arbeitet mit einer Scherenmechanik und einer Ratsche; er wird mit gepolsterten Enden zwischen die Zahnreihen gesetzt und lässt sich in jeder Öffnungsweite arretieren. Für Kinder gibt es kleinere Ausführungen, etwa den Mundsperrer nach Molt 9 cm für Kinder. Der Heister-Mundsperrer öffnet über eine zentrale Schraube und wurde bereits 1718 beschrieben (Mundsperrer nach Heister). Ein Mundkeil (Beißblock) ist die einfachste Form: Er wird zwischen die Seitenzähne geschoben und stützt die Mundöffnung passiv ab. Mundsperrer werden u. a. bei Sedierung oder Narkose, bei längeren Eingriffen und bei Patienten eingesetzt, die den Mund nicht selbst offen halten können.
Vergleichstabelle: Wundhaken und Retraktoren
| Instrument | Typ | Arbeitsende | Typischer Einsatz |
|---|---|---|---|
| Langenbeck | Handhaken | Glattes, rechtwinkliges Blatt | Wundränder, Muskeln, Lappen in der Oralchirurgie |
| Roux / Farabeuf | Handhaken, doppelendig | Zwei Blätter unterschiedlicher Größe | Oberflächliche Wunden, kleine Zugänge |
| Kocher / Volkmann | Handhaken | Mehrere Zinken, scharf bis stumpf | Haut, Subkutis, Muskulatur |
| Weitlaner | Selbsthaltend, Sperre | Zinken an gebogenen Armen | Kleine, flache Operationsfelder |
| Jansen | Selbsthaltend | Kleine Zinken | Kleine Zugänge |
| Gelpi | Selbsthaltend, Sperre | Je eine spitze Zinke | Tiefe, eng begrenzte Zugänge |
| Beckman-Adson | Selbsthaltend, Sperre | Gezahnte Blätter, lang | Tiefe Muskelschichten, Wirbelsäule |
| Minnesota | Handhaken, dental | Gebogen, doppelendig | Wange, Lippe, Zunge, Lappen |
| Wangen-/Lippenhalter | Dental | Breite, gebogene Bügel | Behandlung, Kieferorthopädie, Fotografie |
| Mundsperrer (Molt, Heister) | Selbsthaltend, dental | Ratsche bzw. Schraube | Längere Mundöffnung, Sedierung |
Die vollständige Auswahl finden Sie in der Kategorie Retraktoren sowie unter Oralchirurgie.
Pflege und Prüfung
Prüfen Sie nach jeder Aufbereitung Sperren, Federn und Gelenke auf Funktion. Eine Sperre muss sicher einrasten und darf sich unter Last nicht lösen. Zinken sollten gerade, unbeschädigt und frei von Graten sein. Gepolsterte Auflagen an Mundsperrern sind Verschleißteile und werden ersetzt, sobald sie eingerissen oder verformt sind. Weitere Hinweise gibt unser Ratgeber zur Pflege und Aufbereitung chirurgischer Instrumente; passend dazu lesen Sie auch die Übersicht über chirurgische Pinzetten.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einem Wundhaken und einem Wundspreizer?
Ein Wundhaken wird von Hand gehalten und lässt sich laufend nachführen. Ein Wundspreizer ist selbsthaltend: Er wird eingesetzt, geöffnet und bleibt über eine Sperre oder Schraube in Position.
Wofür verwendet man einen Langenbeck-Haken?
Zum Abhalten von Wundrändern, Muskeln und Gewebe. In der Oralchirurgie hält er Schleimhautlappen und Wange ab, etwa bei Osteotomien, Implantationen oder Zystenentfernungen.
Wann nimmt man scharfe, wann stumpfe Haken?
Scharfe Zinken halten Haut und derbes Gewebe sicher. Stumpfe Zinken oder glatte Blätter sind schonender und werden bevorzugt, wenn Gefäße, Nerven oder empfindliche Strukturen in der Nähe liegen.
Was ist ein Minnesota-Retraktor?
Ein doppelendiger, gebogener Wangen- und Lappenhalter aus der Oralchirurgie. Er hält Wange, Lippe, Zunge oder Mukoperiostlappen ab, zum Beispiel bei Extraktionen.
Wofür braucht man einen Mundsperrer?
Ein Mundsperrer hält den Mund kontrolliert offen, wenn der Patient dies nicht selbst kann oder der Eingriff lange dauert – etwa unter Sedierung oder Narkose.